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[ » NL NEUE LANDWIRTSCHAFT » Fachthemen » Management » Erfolgreich gegen den Strom ]
Donnerstag, 17.05.2012
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Management | 03.02.2012

Erfolgreich gegen den Strom

Lege niemals alle Eier in einen Korb, denn fällt der Korb herunter, gehen höchstwahrscheinlich alle Eier zu Bruch. Diese schlichte Erkenntnis brachte dem US-Ökonomen Harry Markowitz vor 20 Jahren den Wirtschaftsnobelpreis. Trotzdem suchen heute viele Landwirte ihr Heil in der Spezialisierung. Nicht so die Agrargesellschaft mbH Siedenlangenbeck. Die Erfolgsformel heißt für Geschäftsführer Christian Schmidt: "Risikomanagement durch Diversifizierung". Er verteilt das Risiko auf gleich sechs Betriebszweige: Marktfruchtbau, Grasvermehrung, Milchproduktion, Bullenmast, Mutterkuhhaltung und neuerdings auch Biogas.
Erfolgreich gegen den Strom
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Erfolgreich gegen den Strom
 Uwe Steffin, NL-Redakteur 
 
Ich besuche Christian Schmidt Mitte Dezember in der Altmark. Ausgerechnet an diesem Tag hat der Himmel seine Schleusen weit geöffnet. Es gibt großen Nachholbedarf im Oktober und November hat es im Norden von Sachsen-Anhalt so gut wie gar nicht geregnet. Orkantief Joachim ist im Anmarsch und im Radio werden Schneefälle bis ins Flachland angesagt. An den Stallungen der Agrargesellschaft Siedenlangenbeck werden die Schotten dicht gemacht, es gibt eine Sturmwarnung. Wir verziehen uns ins trockene Büro, der Betriebsrundgang muss warten. Brauen sich auch am Milchmarkt dunkle Wolken zusammen, will ich von meinem Gesprächspartner wissen. Der sieht in Sachen Milchpreis zumindest nicht ganz so schwarz. Im kommenden Jahr könnte der Preisanstieg eine Verschnaufpause machen. "Aber auch 2007 hatten wir ja in der Spitze über 40 Cent, da müssen die aktuell 35 Cent noch nicht das Ende der Fahnenstange sein", so der Geschäftsführer durchaus optimistisch. Ein gutes Milchgeld sei dringend erforderlich. Schließlich stehe die Milchproduktion unter hohem Kostendruck, insbesondere durch steigende Energie- und Futterkosten. Aber auch anziehende Pachtpreise machen den Siedenlangenbeckern zu schaffen. In der Altmark spüre man die Nähe zu Niedersachsen, aber auch der Zubau beim Biogas mache sich bei den Pachten bemerkbar.
Rund zwei Drittel der Wertschöpfung stammt bei dem breit aufgestellten Betrieb aus der Veredelung: Zu den 700 schwarzbunten Milchkühen samt eigener Nachzucht kommen eine 60-köpfige Charolais-Mutterkuhherde sowie 100 Mastbullen, Schwarzbunte wie Charolais. Das rechne sich bei den aktuell hohen Rindfleischpreisen hervorragend. Die Mast reduziere nicht nur die Abhängigkeit von der Milch, sondern laste auch die Altgebäude aus. "Zugleich schaffen wir Arbeitsplätze", erklärt Schmidt. Als großer Agrarbetrieb in einer strukturschwachen Region habe man auch eine soziale Verantwortung.
 

"Veredelung über Wiederkäuer ist bei uns Pflicht"

In einer Grünlandregion wie der Altmark sei die Veredelung über den Wiederkäuer Pflicht, erzählt mir der Betriebsleiter. "Ich kriege die über 400 ha Grünland anders nicht effizient genutzt." Die erst 2010 in Betrieb genommene 400-kW-Biogasanlage produziere Strom überwiegend auf Güllebasis. Die Gülleverwertung runde den Produktionskreislauf ab und sei ein weiterer Baustein der Einkommensdiversifizierung. Biogas und Milcherzeugung ergänzten sich hervorragend, da sonst unverwertbare Reststoffe energetisch genutzt würden. "Bei uns schmeißt Biogas die Fruchtfolge nicht total um", das ist dem Landwirt wichtig. Eine "Vermaisung" drohe in der Region deshalb nicht. Täglich werden über den "Betonmagen" rund 75 Tonnen Gülle vergoren. Den Substratmix komplettieren Mais und Gras sowie Futterrreste. Der Regen wird jetzt immer stärker, was Christian Schmidt nicht davon abhält, mir alle technischen Details der Biogasanlage vom optimalen Substratmix bis zur Stromerzeugung zu erläutern. Bei unserem Galopp durch den Betrieb landen wir schließlich bei der Außenwirtschaft, die rund ein Drittel zum Betriebseinkommen beisteuert. Auf den rund 1.200 ha Ackerfläche setzt die Agrargesellschaft voll auf Eigenmechanisierung und neueste Technik. Mit Parallelfahrsystem und N-Sensor ist man ins Precision Farming eingestiegen. Zugekauft werden nur Spezialleistungen wie der Körnermaisdrusch oder das Rübenroden. Durch die Lage in der Grundmoräne schwanken die Ackerzahlen selbst innerhalb eines Schlages stark, bei einem Schnitt von 40 Bodenpunkten. Die Fruchtfolge ist abwechslungsreich: Rund um Siedenlangenbeck wachsen nicht nur Zuckerrüben, Weizen und Raps, sondern auch Roggen, Wintergerste und Mais. Dazu kommt auf über 70 ha Grasvermehrung. "Außerdem", so Schmidt, "haben wir versuchsweise auf 14 ha Sudangras und Zuckerhirse angebaut, um sie als Substrat in der Biogasanlage einzusetzen". Was passiert mit der Rübe, wenn die Marktordnung 2015 die Zuckerpreise in den Keller schickt? Um eine gesunde Fruchtfolge zu erhalten, will Schmidt die Blattfrucht in der Fruchtfolge auch dann nicht reduzieren. Passe der Zuckerpreis nicht, sei die Rübe in der Biogasanlage eine echte Alternative zum Mais.

Kuhkomfort in alter Hülle

Auch wenn der Betrieb auf mehreren Säulen steht besonderes Steckenpferd von Christian Schmidt ist offensichtlich das Milchvieh. Prägend war sein Landwirtschaftsstudium zur Wendezeit in Leipzig mit der Spezialisierung auf Fütterung und Ernährungsschäden beim Rind sowie die anschließenden "Wanderjahre" als Betriebsberater beim irischen Futtermischwagenhersteller Keenan. Für die optimale Betreuung der 700 Milchkühe sorgt ein eigener Herdenmanager, Jörg Kassuhn. Untergebracht sind die schwarzbunten Hochleistungsrinder in einem 1232er-Typenstall Baujahr 1975, einem Standardstall aus DDR-Zeiten. Vor rund fünf Jahren wurde bei laufendem Betrieb ein 32er-BouMatic-Melkkarussell eingebaut, das seinerzeit erste in Deutschland. "Das ging nur mit staatlichen Fördergeldern", stellt Schmidt unmissverständlich klar. Regelmäßig investieren die Siedenlangenbecker in den Kuhkomfort. Eine angenehme "Arbeitsatmosphäre" für die Kühe habe oberste Priorität, auch wenn dadurch Kuhplätze verloren gingen. Und auch die 13 Mitarbeiter in der Milchgewinnung profitieren von besseren Arbeitsbedingungen: Durch zahlreiche Fenster, die zu öffnende Giebelseite und eine spezielle Lüftung kommen seit dem Umbau viel Licht und Luft ins Melkhaus. Investiert wurde auch in einen Vorwartehof mit pneumatischem Treiber, Selektion, automatischem Klauenbad und Waage, in die Milchkühlung und -lagerung sowie in eine klauenschonende Trittflächengestaltung. Eine ausgeklügelte Stallbeleuchtung und die computergesteuerte Bandfütterungsanlage komplettieren das Stallkonzept. Bei der Fütterung kommen fast ausschließlich selbst erzeugte Komponenten zum Einsatz, nur Soja- und Rapsschrot sowie Melasse und Futterfett werden zugekauft. Die Entwicklung der Milchleistung spricht für sich: Seit 1998 konnte die Milchleistung von 6.500 kg auf zuletzt 9.400 kg gesteigert werden. Durch ständiges "Dranbleiben" konnten die Zellzahlen dauerhaft niedrig gehalten werden. Ein Stallneubau, um mit dem Ende der Milchquote richtig durchzustarten, ist für Schmidt und seine Kollegen derzeit kein Thema. Sie wollen lieber kontinuierlich und in maßvollen Schritten investieren. Würde ein Neubau auf der grünen Wiese gesellschaftlichen Gegenwind in der Region erzeugen? Nein, glaubt der Mitgesellschafter des Unternehmens. Schließlich sei die Agrargesellschaft ein wichtiger Arbeitgeber und über die Mitarbeiter samt Familien fest in der Region verwurzelt. Zudem werde das Thema Öffentlichkeitsarbeit in Siedenlangenbeck großgeschrieben. So sei eine Unterrichtstunde zur Landwirtschaft mit anschließendem Betriebsbesuch für die 3. Klassen der Region "fester Bestandteil des Lehrplans". Und für 2012 sei der nächste Tag des offenen Hofes schon geplant.

Milcherzeuger oft nur Restgeldempfänger

Während mir Christian Schmidt das neue Fahrsilo, die Futterbergehalle und den angebauten Kälberstall zeigt, kommen wir auf das Thema Milchvermarktung zu sprechen. Die derzeit rund 5,4 Mio. kg Quotenmilch gehen komplett ans Deutsche Milchkontor (DMK). Mit Blick auf die heftigen Preisschwankungen bei der Milch würde sich der Geschäftsführer wünschen, dass seine Molkerei künftig Preisabsicherungsinstrumente anbietet. Bei der Vermarktung von Weizen und Raps sei der Abschluss von Vorkontrakten über den Landhändler gängige Praxis. Bei der Milch stünden die Erzeuger ebenfalls ganz am Ende der Wertschöpfungskette, müssten dies mangels geeigneter Absicherungsinstrumente aber oft als "Restgeldempfänger" ausbaden. Eine Preisabsicherung ist für Schmidt Sache der Molkereien. Die Voraussetzung dafür sei mit der Einführung von Butter- und Pulverkontrakten an der Frankfurter Eurex geschaffen worden Eigentümer genossenschaftlicher Molkereien seien schließlich die Landwirte. Die Milchbauern müssten deshalb den Druck auch in dieser Richtung erhöhen. Sein Amt als Vorsitzender des Interessenverbandes Milcherzeuger (IVM) ein Zusammenschluss großer ostdeutscher Milcherzeugerbetriebe mit ähnlicher technologischer Basis nutzt Schmidt auch dazu, Risikomanagement-Dienstleistungen öffentlichkeitswirksam bei den Molkereien anzumahnen. "Da muss man dicke Bretter bohren". Eine Gefahr sieht der Milchprofi in der zunehmenden Anonymisierung durch die schiere Größe des DMK. Allerdings ist ihm klar, dass ein Branchenriese wie das Milchkontor den Milchbauern in schlechten Zeiten auch Sicherheit bietet. Als alarmierendes Zeichen empfindet der Geschäftsführer die geplante Schließung des Milchhofes in Magdeburg. Dies würde für die gesamte Milcherzeugungsregion Altmark eine Entfremdung von der Molkerei bringen. Noch dazu, wenn das geplante Aus für Magdeburg schlecht kommuniziert werde.

Spotmarkt als Vermarktungsalternative?

Wäre die Milchandienung an den Spotmarkt eine Alternative für die Agrargesellschaft Siedenlandenbeck? Schließlich melkt man pro Tag fast 15.000 kg und könnte so innerhalb von zwei Tagen einen kompletten Milchlaster füllen. Spotmarkt heißt, alle Höhen und Tiefen beim Preis mitzumachen, entgegnet Schmidt. Das vertrage sich nicht mit der Verantwortung für 30 Mitarbeiter und deren Familien. "Am Spotmarkt kann es im nächsten Preistal ganz schnell wieder auf ruinöse 15 Cent runter gehen." Die Milchkrise 2009 mit Preisen unter 20 Cent habe ihm erste graue Haare eingebracht. Man habe die Ausgaben aufs Nötigste heruntergefahren. Nur an der Hygiene habe man nicht gespart, das ist Schmidt wichtig. Und auch am Kraftfuttereinsatz habe man nicht gedreht. Man könne die Kühe schließlich nicht für niedrige Milchpreise bestrafen. Heutige Milchkühe seien für ein hohes Leistungsniveau gezüchtet, das auch gefüttert werden müsse.

Molkereien müssen Hausaufgaben machen

Mit Blick auf das baldige Ende der Milchquoten rät Schmidt den Molkereien, bei den Milchverträgen nachzubessern. Die Vertragstreue der Lieferanten werde derzeit gar nicht honoriert. Schließlich bedeute die Bindung an einen Abnehmer für den Milcherzeuger einen Verlust an Flexibilität und Freiheit. Er könnte sich durchaus vorstellen, künftig für eine Teilmenge einen 5-Jahresvertrag abzuschließen, wenn dafür ein halber Cent extra fließt. Liefertreue stelle schließlich einen Wert dar, der auch bezahlt werden müsse. Als ich Siedenlangenbeck am Nachmittag Richtung Berlin verlasse, hält der Winter Einzug in der Altmark. Orkan Joachim sorgt für heftiges Schneetreiben. Eines ist mir klar geworden: Auch wenn Christian Schmidt mit der breiten Aufstellung der Agrargesellschaft Siedenlangenbeck gegen den Strom schwimmt: Das Unternehmen ist mit diesem Konzept gut geerdet, um künftigen Stürmen an den Agrarmärkten zu trotzen. (us) NL
Erfolgreich gegen den Strom (03.02.2012)
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