Fluch oder Segen?
Antibiotika retten Leben. Damit sie das können, dürfen pathogene Erreger möglichst keine Resistenzen entwickeln. Hier sind Human- und Veterinär- mediziner ebenso gefordert wie menschliche Patienten und Tierhalter.
Sabine Leopold, NL-Redakteurin
Als 1942 Penicillin auf den Markt kam, war das eine Sternstunde für die Medizin. Denn obwohl das erste Antibiotikum bereits 1910 die Arztpraxen eroberte, war das neue Mittel vor allem eins: wirksam gegen eine Vielzahl von Erregern. Ein Breitbandantibiotikum, wie es im Buche stand.
Seitdem ist viel Zeit vergangen. Längst ist klar, dass die Superwaffe Antibiotika ihre Treffsicherheit verlieren kann, wenn Erreger Resistenzen entwickeln. Und nicht erst seit gestern richtet sich der Vorwurf des verantwortungslosen Umgangs mit diesen Substanzen auch und oft in erster Linie gegen Tierärzte und Landwirte. Gerade hat die Süddeutsche Zeitung eine neue Debatte losgetreten. Vor wenigen Wochen zog in einem umfangreichen Artikel auf SZ online der Ingolstädter Tierarzt Rupert Ebner vom Leder. Veterinäre, erklärte er, gäben ohne Sinn und Verstand und vor allem ohne Kontrolle massenweise Antibiotika an "Massentierhalter" ab. Dort würden die Mittel permanent ins Futter gemischt, da Großbestände anders nicht zu managen seien. Antibiotikabelastete Lebensmittel seien daher an der Tagesordnung und entsprechende Resistenzen die logische Folge. Und obwohl die Vorwürfe zum großen Teil einfach unbewiesen bleiben (SZ online begründete die Verlässlichkeit der Informa-tionen überwiegend mit der Tatsache, dass der ehemalige Vizepräsident der Landestierärztekammer Bayern eben die Machenschaften seiner Kollegen kenne), zieht das Thema mittlerweile Kreise in allen Ebenen der medialen und politischen Öffentlichkeit.
Verantwortlicher Umgang!
Punktgenau passend zur aktuellen Diskussion (obwohl schon lange zuvor geplant) lud die Firma Bayer Ende September zu einem Expertengespräch nach Berlin. Thema der Veranstaltung: "Antibiotika zwischen Medizin und Markt". Um es vorweg zu nehmen: Keiner der Diskussionsteilnehmer stellte in Frage, dass die Restistenzbildung bei pathogenen Erregern eine besorgniserregende Problematik darstellt, und dass diese Resistenzen auch auf falsche oder sorglose Antibiotikaanwendung im human- wie im veterinärmedizinischen Bereich zurückzuführen sind. Ein verantwortungsvoller Umgang mit diesen Mitteln ist also unumgänglich und sollte für jeden (Tier-) Arzt und jeden Anwender zur Selbstverständlichkeit werden.
Resistenzen richtig beurteilen
Bei der Entstehung multiresistenter Keime ist es allerdings ähnlich, wie bei anderen potenziellen Gesundheitsbedrohungen auch: Das Problem wird durch die Medien gejagt und dabei immer mehr aufgeblasen. Um dieser wachsenden Panik zu begegnen und wieder Sachlichkeit in die Diskussion zu bringen, sei es besonders wichtig, ein sorgfältiges Resistenzmonitoring zu betreiben, erklärte Dr. Bernd Stephan von Bayer Animal Health in seinem Tagungsbeitrag. Dabei müsse zwischen verschiedenen Methoden unterschieden werden. Zum Beispiel sagt der klinische Grenzwert aus, ab wann ein Erreger tatsächlich nicht mehr therapierbar ist, während der epidemiologische Grenzwert bereits verminderte Empfindlichkeiten erfasse. In Auswertungen würden nicht selten beide Werte vermischt, was zu geradezu abenteuerlich hohen angeblichen Keimresistenzen führe. Zudem müsse stets an Stämmen aus gesunden Wirten untersucht werden. Verwendet man dagegen Proben aus kranken, bereits mehrfach antibiotikabehandelten Tieren, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sich in diesem Tier bereits resistente Erregerstämme gebildet haben, natürlich höher als im "normalen" Umfeld. Abschließend betonte Stephan, dass es unbedingt anzustreben sei, dass alle Antibiotikahersteller (möglichst in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden) ein Resistenzmonitoring nach gemeinsamen Kriterien betreiben.
Sorgfalt auch im Humanbereich
Die Frage, ob Antibiotika in der Nutztierhaltung überhaupt noch zeitgemäß seien, bejahte sich Prof. Dr. Michael Londershausen, ebenfalls Bayer Animal Health, in seinem Beitrag eindeutig. Jeder Einsatz eines Antibiotikums berge die Gefahr, dass sich Resistenzen bilden, doch sowohl die Wirtschaftlichkeit als auch der Tierschutz gebieten, dass kranke Nutztiere effektiv behandelt werden. Um dennoch der weiteren Entstehung vor allem multiresistenter (also gegen mehrere Wirkstoffe unempfindlicher) Keime vorzubeugen, empfahl der Referent unter anderem folgende Punkte:
einen verantwortungsvolleren Umgang mit Antibiotika (sowohl in der Verschreibung als auch in der Anwendung), eine kontinuierliche Bewertung der Resistenzsituation, EU-einheitliche Bewertungskriterien, eine objektive und transparente Berichterstattung und bessere Rahmenbedingungen für Innovationen (Patentschutz etc.).
Aber auch bei menschlichen Patienten muss Sogfalt walten. Antibiotika werden auch in der Humanmedizin oft zu sorglos eingesetzt. Ebenso wie bei kranken Tieren kommte es aber auch hier auf einen gezielteren Einsatz (bessere Erregerbestimmung, Schmalspektrumwirkstoffe) und eine fachgerechte Anwendung (keine Unterdosierung, kein vorzeitiger Behandlungsabbruch, kein Dauereinsatz) an, damit Antibiotika auch künftig zuverlässig Infektionen bekämpfen können.
(le) NL
Vom Reststoff zum Wertstoff
Bisher fehlte es an Informationen, welche Strohmengen mit welchem Aufwand für die energetische Nutzung erschlossen werden können, ohne dass es zu nachteiligen Auswirkungen auf die Humusbilanz kommt. Auf einer Tagung in Berlin wurden jetzt erste Ergebnisse aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt des Deutschen Biomasse-Forschungszentrums (DBFZ), der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft (TLL), dem Institut für Nachhaltige Landbewirtschaftung (INL) und dem Öko-Institut vorgestellt. Das DBFZ geht davon aus, dass jährlich in Deutschland 30 Mio. Tonnen Getreidestroh anfallen. "Bislang wird nur ein geringer Teil davon energetisch genutzt", stellte Vanessa Zeller vom DBFZ fest. Die größte Anlage befindet sich bei der TLL in Jena, im emsländischen Emlichheim wird jetzt ein großes Kraftwerk gebaut, das die "Emsland Stärke" (Emsland Group ist Deutschlands größter Kartoffelstärkeproduzent) versorgen soll. Forschungsbedarf besteht noch zu den Auswirkungen der Strohentnahme auf den Humushaushalt des Bodens. Die Menge, die auf dem Acker verbleiben muss, wurde bislang ebenso wie der Anteil der Tierhaltung allenfalls pauschal bestimmt. Unter Berücksichtigung einer ausgeglichenen Humusbilanz könnten von einer theoretischen Gesamtmenge von jährlich 30 Mio. t effektiv 8 bis 13 Mio. t entnommen werden, rechnete Christian Weiser von der TLL vor. Das entspricht 27 bis 43 % der aufgewachsenen Strohmenge. Ausschlaggebend sollten aber die Verhältnisse vor Ort sein, denn Hackfrüchte und ein ausgedehnter Energiepflanzenanbau zehren an der Humussubstanz des Bodens. Wie viel Stroh in Ihrem Landkreis zur Verfügung steht, kann in Kürze im Internet recherchiert werden. Unter der Adresse
http://strohpotenziale.dbfz.de
wird die zur Verfügung stehende Strohmenge angezeigt. Eine integrierte Kartendarstellung erleichtert dabei die Orientierung.
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