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[ » NL NEUE LANDWIRTSCHAFT » Fachthemen » Management » Fortschritt braucht Akzeptanz ]
Donnerstag, 23.02.2012
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Management | 12.12.2011

Fortschritt braucht Akzeptanz

Der Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, Carl-Albrecht Bartmer, hat auf dem Max-Eyth-Abend anlässlich der Agritechnica 2011 in Hannover zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union Stellung genommen. Er legt den Finger auf wunde Stellen und betonte die globale Verantwortung. Lesen Sie im Folgenden Auszüge aus seiner Rede.
Fortschritt braucht Akzeptanz
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Fortschritt braucht Akzeptanz
Wenn man unser gesamtwirtschaftliches Umfeld betrachtet, hat dieser November, um im Bild zu bleiben, alles was auf der Nordhalbkugel üblicherweise zu ihm gehört, Nebel, der den Durchblick hemmt, Stürme, plötzlich und heftig, die Regierungen erschüttern, mitunter wegblasen, eine frostige Welt, in der Glückshormone Mangelware werden. Verschuldungsraten öffentlicher Haushalte diesseits und jenseits des Atlantiks, innerhalb und außerhalb des Euros, lassen Gläubiger an der Kapitaldienstfähigkeit ganzer Staaten, bedeutender Staaten, zweifeln. Banken geraten in diesen Sog. Eine Finanzkrise scheint möglich, die auch die Realwirtschaft ereilen kann, soviel haben wir aus den Erfahrungen von 2008 gelernt, damals mit einer konjunkturellen Vollbremsung, von der sich auch die Landtechnikbranche gerade erst erholt hat. Innerhalb Europas trifft dieses Umfeld, für das es leider keine Erfahrungswerte gibt, auf Strukturen, Institutionen und Personen, deren vielstimmige Entscheidungsprozesse nicht immer das höchste Vertrauen erwecken. Europa, das Ende einer Illusion, ein Scheitern von Institutionen und gemeinsamer Währung?

Europäische Union ohne realistische Alternative

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wissen Europas Kritiker eigentlich, wovon sie reden, wenn sie vom Scheitern sprechen, die nationalistischen Scharlatane, effekthaschenden Kommentatoren, Experten ohne echte Alternativen? Für dieses Europa, dessen Einigungsprozess mit den über die Ruinen des Zweiten Weltkriegs gereichten Händen begonnen hat, gibt es keine realistische Alternative. Es gibt kein tragfähigeres Fundament für Freiheit, demokratische Rechte und eine prosperierende Wirtschaft, keine andere gemeinsame Stimme in einer Welt der sich verschiebenden politischen Gewichte. Wir sitzen hier und dürfen uns über die Internationalität der Agritechnica freuen, über gewachsene Märkte gerade in Richtung Osten. Ich frage mich, wo unsere Branche heute wäre ohne eine Europäische Union, ob es eine deutsche Wiedervereinigung hätte geben können? Ob unsere östlichen und südöstlichen Nachbarn ohne das Ziel, Teil dieses freien, demokratischen und prosperierenden Europas werden zu können, diese rasante Entwicklung in den vergangenen zwei Jahrzehnten hätten durchlaufen können, ohne Kohäsions- und Strukturfonds? Meine Damen und Herren, Europa ist und bleibt eine strategische Vi-sion, für die zu ringen sich lohnt, gerade und besonders für ein europäisches Agribusiness. Aber diese Gemeinschaft hat Webfehler, in der Struktur seiner Entscheidungsprozesse, in der Fiskal- und Finanzpolitik seiner Euro-Länder. Bedrückend ist, dass diese Fehler lange vor der Krise bekannt waren. Mangelnde politische Kraft dafür gab es viele Gründe ließ die berühmte "Karre heute richtig im Dreck sitzen". Erst jetzt besteht die Bereitschaft, überfällige Entscheidungen zu treffen. Das ist ein Lehrbeispiel: Die Euro-Krise veranschaulicht im hellsten Licht die Konsequenzen, wenn Probleme nicht mit dem notwendigen Realismus identifiziert und gelöst werden. Sie drängen sicherlich wieder auf die Tagesordnung und dann mit erheblichen Kollateralschäden.

Die größte Herausforderung

Was hier inzwischen klingt wie ein Gemeinplatz, es hat auch sehr viel mit unserem Sektor zu tun. Vor einer Woche hat der 7 Milliardste Mensch das Licht der Welt erblickt, 12 Jahre nach seinem 6-milliardsten Vorgänger. Dieses Kind ist nicht nur eine hoffentlich große Freude seiner Eltern, es zeigt auch auf die größte Herausforderung unseres Jahrhunderts. In wenigen Jahrzehnten werden 70% mehr Lebensmittel benötigt und zusätzlich eine klimaschonende, wohl auch biogene Energiealternative. Mangel an fruchtbarem Ackerland, knappe und deshalb teure Lebensmittel, neue klimatische Restriktionen, beschränkte Ressourcen, wohin man auf diesem Globus sieht, diese Analyse zeichnet sich mit der gleichen Klarheit ab wie seinerzeit die strukturellen Defizite einer europäischen Währung. Und wie ähnlich ist das Handeln: So leichtfertig man seinerzeit Staatsquote und Verschuldung aufblähte, so gedankenlos ist heute der Umgang mit fruchtbarer Agrarfläche. Besiedelung, mitunter ineffiziente Bioenergieprogramme mit zweifelhafter Zielerreichung, aber gesicherten Renditen, restriktiver Zugang zu Innovationen, die die Produktivität der Agrarflächen positiv beeinflussen könnten, eine geschwächte, weil personell und finanziell unterversorgte Agrarforschung, ein komplexes System staatlicher Zuschüsse, mehr vom Wunsch nach Einkommenstransfer getragen, tatsächlich aber eine Honorierung dafür, die natürlichen Potenziale eines Standortes nicht zu nutzen.

Primat der Nahrungserzeugung soll aufgegeben werden

Die aktuellen Greening-Vorschläge der Kommission dienen als Begründung für diese Zuwendungen. Sie verfolgen das Ziel, europaweit, von Sizilien bis zum Nordkap, das Primat der Lebensmittelerzeugung für einen einheitlichen Anteil der Ackerflächen aufzugeben. Das ist nur das jüngste Glied von Politikbegründungen, die sich als das entlarven, was sie eigentlich sind: Placebos für den Steuerzahler bzw. Wähler und sie sind mit Blick auf die Eurokrise gar nicht so anders als seinerzeit Geschenke für Staatsbedienstete oder Rentner, das eine oder andere Prestigeprojekt, deren Rechnung wir heute bezahlen. Damit ich nicht missverstanden werde, eine Landwirtschaft, die nicht nachhaltig mit natürlichen Ressourcen umgeht, hat keine Zukunftsperspektiven. Aber eine Landwirtschaft auf den Erhalt von Biodiversität, von biotischem und abiotischem Naturschutz zu reduzieren, vernachlässigt die Notwendigkeit ausreichender Lebensmittelerzeugung. Nordafrika führte in den vergangenen Monaten vor, wie drastisch solche hehren Ziele an Bedeutung verlieren, wenn der Brotkorb nicht mehr ausreichend gefüllt ist. Und gerade deshalb, weil Naturschutz essentiell für unsere Zukunftsfähigkeit ist, dürfen wir es so weit nicht kommen lassen.

Globale Sicht ist erforderlich

Wir müssen Naturschutz messbar machen, genauso wie die positiven und negativen externen Effekte der Agrarproduktion. Wir brauchen gesicherte Erkenntnisse, um auch Naturschutzziele effizient erreichen zu können. Wir sollten uns nicht dem schlichten qualitativen Postulat unterwerfen, mehr Naturschutz sei immer gut. Europa importiert bereits heute mehr Agrarprodukte als es exportiert. Virtuell wird fast die dreifache Ackerfläche Deutschlands außerhalb der europäischen Grenzen dafür bebaut. Eine weitere von Umweltzielen getriebene Extensivierungsinitiative in Europa müsste durch umfangreichere Produktion außerhalb der europäischen Grenzen kompensiert werden. Ob dafür Standorte in Produktion genommen werden müssten, die aus ökologischen oder klimatischen Gesichtspunkten viel wertvoller sind, wird leider in der aktuellen europäischen Diskussion ebenso ausgeblendet wie die Auswirkungen auf Lebensmittelpreise.

Offenhalten von Optionen

Wie sich klare Konturen ergeben, wenn sich der Novembernebel lichtet, so eröffnet diese Agritechnica 2011 tragfähigere Perspektiven. Nicht Selbstbeschränkung, nicht neue Konsummuster, von denen keiner weiß, wie er sie global durchsetzen möchte, allein das Offenhalten von Optionen für unseren mit seinen knappen Ressourcen gebeutelten Globus sind das realistische Zukunftskonzept. Moderne Technologien und Innovation, in der Landtechnik, in der Züchtung, in der Gesunderhaltung und Pflege der Kulturen, nicht zuletzt neue Erkenntnisse in der Bewirtschaftung sind die Kernbestandteile für eine nachhaltige Entwicklung. Technischer Fortschritt, wie er in diesen Tagen in Hannover mit Händen zu greifen, mit glänzenden Augen zu erfassen und intellektuell zu verstehen ist, technischer Fortschritt als Frucht des in Freiheit agierenden Geistes ist die notwendige Bedingung, um die großen Herausforderungen einer dynamisch wachsenden Welt zu meistern.

Fortschritt braucht gesellschaftliche Akzeptanz

Technischer Fortschritt ist wie ein Quantensprung. Fortschritt, der es möglich macht, mehr zu ernten und dabei die Belastungen natürlicher Ressourcen zu minimieren. Das ist Fortschritt, wie er in den vergangenen Jahren von Ingenieuren ersonnen und hier präsentiert wird. Sie sind die wahren Arbeiter im Weinberg, auf den grünen Auen des Herrn. Sie versetzen uns in die Lage, diese Herausforderungen nachhaltig, also sozial sowie ökologisch verträglich und zugleich ressourceneffizient zu meistern. Fortschritt wird sich nur verwirklichen lassen, wenn er gesellschaftliche Akzeptanz genießt. Wir erleben in vielen Bereichen der Landwirtschaft eine grundlegende Skepsis der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung zu technischen Entwicklungen in der Landwirtschaft, im Stall, in der Bioenergie, gegenüber modernen pflanzenbaulichen Produktionssystemen. Jeder von uns, als glaubwürdigster Botschafter dessen was er tut, hat hier einen höchst persönlichen Kommunikationsauftrag, durch das geöffnete Fenster seines Geländewagens der Landwirt, aber eben auch die Vertreter innovativer Landtechnikprodukte. Moderne Landwirtschaft ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Dies sollten wir nicht nur mutig nach außen vertreten, wir sollten unsere Nachhaltigkeit auch nachweisen. Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Betriebe lässt sich in seiner Dreidimensionalität messen, anspruchsvolle Indikatoren existieren dafür. Was messbar ist, lässt sich verbessern, technischer Fortschritt hilft auch dabei.

Masterplan Agrarwirtschaft 2020

Meine Damen und Herren, die Krise von Währungen, weil man bestimmte Aufgaben nicht zeitgerecht erledigt hat, führt uns vor Augen, dass wir heute einen Masterplan für die "Agrarwirtschaft 2020" benötigen.
Wir sollten Ziele der Agrarproduktion in zehn Jahren realistisch und messbar definieren, solche der Ernährung, der energetischen und stofflichen Alternative, aber auch des biotischen und abiotischen Ressourcenschutzes. Wir sollten bei der Festlegung dieser Ziele die europäische Nabelschau verlassen und uns der globalen Verantwortung dieses Gunststandortes für Agrarproduktion bewusst sein. Wir sollten im politischen Instrumentenkasten nur solche Werkzeuge belassen, die messbar und somit effizient diese Ziele erreichen. Wir sollten prüfen, ob wir alle Mittel ergriffen haben, Technologien zu fördern und ihre Nutzung zu ermöglichen, wenn sie, auf wissenschaftlicher Basis geprüft, sicher sind und zugleich dem Ziel der Ernährungssicherung dienen. Wir sollten in Wissen und Können investieren, das einzige Gut, das sich vermehren lässt, also in Forschung, von den Grundlagen bis zur Anwendung, aber auch in den Erkenntnistransfer in die Praxis." (bö) NL
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