Donnerstag, 23.02.2012
Kurz und gut?
Die Trockenstehzeit dient Milchkühen zur Regeneration. Ganz ohne diese Pause sinkt die Milchleistung in der Folgelaktation. Doch internationale Untersuchungen zeigen, dass eine Verkürzung der Trockenstehzeit durchaus positive Effekte haben kann.
Die Trockenstehzeit dient zur Erholung bis zur nächsten Laktation. Doch eine zu lange Pause ist offen- bar kontraproduktiv. Foto: krick/agrar-press
Sabine Leopold, NL-Redakteurin
Vor ein paar Jahren zitierten deutsche Medien eine japanische
Veröffentlichung, nach der Arbeitnehmer über eine längere Urlaubsperiode
erheblich an Intelligenz einbüßen. 15 Prozentpunkte minus beim IQ
lautete die kolportierte Faustzahl. Kurzreisen – so die Schlussfolgerung
– seien daher viel gesünder. Lassen wir dahingestellt, wer diese
Untersuchung damals finanziert hat (japanische Unternehmen beurlauben ja
ihre Mitarbeiter gern nur tageweise). Fakt ist aber, dass es den
meisten Menschen tatsächlich schwer fällt, zunächst in die Ruhezeit
hinein- und (vor allem nach längeren Ferien) wieder in den Arbeitsalltag
zurückzufinden. Und das geht nicht nur uns Menschen so.
Jungkühe brauchen mehr Pause
Immer wieder haben Nutztierwissenschaftler und Veterinäre sich in den letzten Jahren des Themas Trockenstehdauer angenommen. Die Ergebnisse differieren, aber zumindest scheint eins sicher zu sein: Kühe jenseits der ersten Laktation vertragen eine Trockenstehzeit von mehr als 60 Tagen schlechter als eine kürzere Ruheperiode. Werden Hochleistungstiere zu zeitig trockengestellt, belastet die dann noch hohe Milchleistung das Eutergewebe über Gebühr, die Folge sind Mastitiserkrankungen, allgemeine Gesundheitsprobleme und schlechtere Milchleistungen in der Folgelaktation. Zudem verfetten Langtrockensteher stärker, was nach der nächsten Kalbung zu den üblichen Stoffwechselstörungen infolge Energieinbalancen führt. Nur bei erstabgekalbten Jungkühen sieht es anders aus. Diese Tiere meist selbst noch im Wachstum benötigen die übliche Er- holungsphase von rund 60 Tagen offenbar, sonst quittieren sie die fehlende Pause in der Folge- laktation mit deutlichen Milchleistungseinbußen (lesen Sie dazu auch NL 6/2011, Seite 86 f.).
Ganz ohne Ruhezeit geht es nicht
Bei älteren Kühen bietet sich eine Verkürzung der Trockenstehperiode (bis herunter auf etwa 30 Tage) also durchaus an, um Euter- und Stoffwechselkrankheiten zu minimieren und die Milchleistung zumindest tendenziell zu steigern (schon durch die verlängerte Melkperiode in der laufenden Laktation). Was aber bewirkt die geringe Trockenstehdauer im Bereich Fruchtbarkeit? Immerhin gehören Fertilitätsstörungen zu den größten Kostenfaktoren in der Milcherzeugung. Um es vorweg zu nehmen: Der vor allem in US-amerikanischen Milcherzeugerunternehmen immer wieder propagierte Komplettverzicht auf eine Trockenstehzeit zwischen den Laktationen ist keine Lösung. In der Mai-Ausgabe 2007 des britischen Magazins Farmers Guardian erklärte Chris Watson von der Wood Veterinary Group, ein vollständiger Verzicht aufs Trockenstellen führe letztendlich zu Milchmengenleistungsverlusten in Höhe von 18 bis 25 Prozent. Bei derartigen Leistungseinbrüchen ist ein eventueller Vorteil für die Fruchtbarkeit kein wirtschaftliches Kriterium mehr. Dennoch, so Watson, sei bei der Handhabung der Trockenstehzeit ein Umdenken erforderlich. Es habe sich gezeigt, dass bei einer Verkürzung dieser Periode von 60 auf 30 Tage im Schnitt allenfalls mit drei Prozent Milchmengenrückgang zu rechnen sei. Angesichts dieser Ergebnisse werden mögliche Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit wieder höchst interessant.
Schneller wieder tragend
Im Journal of Dairy Science erschien 2008 eine Veröffentlichung von Rick Watters und Mitarbeitern von der University of Wisconsin (USA). Die Wissenschaftlergruppe hatte zwei Kuhgruppen untersucht, von denen die erste (Gruppe T) 55 Tage und die zweite (Gruppe S) 34 Tage trockengestellt worden war. Die Ergebnisse waren ziemlich eindeutig: Die kürzer trockenstehende Gruppe S ovulierte im Schnitt bereits 35 Tage nach der Abkalbung zum ersten Mal, bei den Tieren der Gruppe T hingegen dauerte es 43 Tage bis zum ersten registrierten Eisprung. Nach 70 Laktationstagen (DIM days in milk/Tage in Milch) hatten acht Prozent der Gruppe S-Kühe keine Ovulation gezeigt. Die Stallgefährtinnen in Gruppe T hingegen kamen auf mehr als den doppelten Anteil (18 Prozent). Auch bei den Tieren, die nach 70 Laktationstagen trächtig waren, zeigte sich eine positive Tendenz zugunsten der kürzer trockengestellten. Bei den Altkühen (zweite Laktation und dar-über) lag das Verhältnis Gruppe S zu Gruppe T bei 20,3 zu 10,6 Prozent. Nur bei den Jungkühen gab es nahezu keinen Unterschied.
Zu wenig Pause senkt Milchmenge
Dieser Effekt lässt sich aber nicht unendlich steigern. Eine Wissenschaftlergruppe um Prof. Melvin T. Kuhn vom US-amerikanischen Landwirtschaftsministerium (USDA) veröffentlichte im Journal of Dairy Research (2006) Ergebnisse aus einer sechsjährigen Untersuchung, nach der eine Verkürzung der Trockenstehzeit von Milchkühen von den üblichen 60 auf 20 oder weniger Tage spürbar zulasten des Fett- und Eiweißertrages in der nachfolgenden Laktation geht (bedingt durch die verringerte Milchmengenleistung, Fett- und Eiweißgehalte in der Milch stiegen hingegen an). Verglich man beide Gruppen hinsichtlich der Zwischentragezeit (days open), waren die Kurztrockengestellten im Vorteil. Dieser verschwand jedoch (oder kehrte sich sogar ins Gegenteil), wenn man die Zwischentragezeit ins Verhältnis zur Milchleistung in der Folgelaktation setzte eine weitere Bestätigung dafür, dass die Trockenstehperiode nicht zu stark verkürzt oder gar ganz eingespart werden darf, wenn die Gesamtwirtschaftlichkeit des Betriebszweiges nicht leiden soll.
Moderate Verkürzung zeigt Erfolg
Dieser Aussage widerspricht allerdings zumindest teilweise eine Untersuchung von Prof. Ric Grummer, ebenfalls University of Wisconsin, veröffentlicht 2007 im Journal Theriogenology. Nach dessen Untersuchungen verbessert eine starke Verkürzung bis hin zur totalen Eliminierung der Trockenstehzeit den energetischen Sta- tus von Milchkühen generell, was die Effizienz der Fortpflanzung verbessert. Kühe, die zwischen 0 und 28 Tagen trockengestellt wurden, ovulierten früher, hatten eine bessere Konzeptionsrate bei Erstbesamung und eine kürzere Zwischentragezeit. Allerdings räumt Grummer ein, dass die Tierzahl bei dieser Untersuchung zu gering für eine statistisch abgesicherte Aussage war. Eine Nachfolgeuntersuchung anhand einer größeren Probandengruppe zeigte, dass eine moderate Trockenstehzeitverkürzung auf 34 bis 55 Tage ähnlich positiv wirkte. Und diese Ergebnisse ließen sich schließlich auch statistisch absichern. Zudem konnte auch dieser Autor bestätigen, dass der Effekt nur bei älteren Kühen wirklich relevant ist. Jungkühe zeigten nahezu keine Verbesserung der Fruchtbarkeitsparameter durch kürze Trockenstehphasen.
Eine (moderate) Verkürzung der Trockenstehzeit geht nur bei Jungkühen zulasten der Milchleistung in der Folgelaktation. Altkühe zeigen keinen Effekt oder steigern sogar ihren Milchertrag geringfügig. Die geringeren Tagesgemelke bei späterem Trockenstellen belasten die Euter weniger und sorgen für einen besseren natürlichen Zitzenverschluss, was sich positiv auf die Euter- gesundheit auswirkt. Auch hinsichtlich der Fruchtbarkeit zeigt eine Verkürzung der Trockenstehzeit von 60 auf 30 Tage bei Altkühen deutliche Vorteile. Die Tiere ovulierten früher und werden schneller tragend. Bei Jungkühen ist dieser Effekt wenig bis gar nicht nachweisbar. Wird allerdings die Trockenstehzeit noch weiter verkürzt oder komplett eliminiert, wird auch bei Altkühen der positive Effekt durch eine stark verringerte Milchleistung in der Folgelaktation aufgefressen. (le) NL
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