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[ » NL NEUE LANDWIRTSCHAFT » Fachthemen » Tier » In der Ruhe liegt die Kraft ]
Donnerstag, 23.02.2012
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Tier | 17.11.2011

In der Ruhe liegt die Kraft

Schweine reagieren in vielen Situationen ganz ähnlich wie wir Menschen. Sie verweigern sich, wenn sie Angst haben, und wehren sich, wenn der Stress zu groß wird. Dabei sind es manchmal nur kleine Veränderungen im täglichen Umgang, die Tier und Mensch das Leben leichter machen.
Für Neugeborene ist der Fluchtreflex bei Rückenberührung überlebenswichtig. Deshalb reagieren Saugferkel panisch, wenn sie so gegriffen werden.
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Für Neugeborene ist der Fluchtreflex bei Rückenberührung überlebenswichtig. Deshalb reagieren Saugferkel panisch, wenn sie so gegriffen werden.
 Sabine Leopold, NL-Redakteurin 
 
Der Kabarettist Dieter Nuhr erklärt in einem seiner Bühnenprogramme die menschliche Genetik ungefähr so: "Unsere DNA unterscheidet sich von der des Schweins nur um lächerliche drei Prozent. Es ist also entwicklungsgeschichtlich reiner Zufall, auf welcher Seite der Fleischerei-Theke wir heute stehen." Die auf diese etwas eigenwillige Evolutionstheorie folgenden Lacher im Saal klingen nicht selten ein wenig betroffen.
 Tatsächlich sind die Erbanlagen aller Säuger (einschließlich der des Menschen) verblüffend ähnlich, Unterschiede gibt es oft nur im einstelligen Prozentbereich. Daher verbindet uns mit dem Schwein nicht nur eine starke physische Übereinstimmung. Auch in den psychischen Reaktionen ähneln wir uns mehr als mancher glaubt. Und zu unserer Ehrenrettung sei gesagt: Schweine sind vergleichsweise intelligente und sensible Tiere – wie die meisten von uns.
 

Schöner Wohnen im Schweinestall

Die Akzeptanz dieser Tatsache kann beiden Seiten – Tier wie Tierhalter – durchaus von Nutzen sein. Denn dass tierisches Wohlbefinden die Leistungsfähigkeit erhöht, ist längst keine neue Erkenntnis mehr. Und so haben in den vergangenen Jahren auch in Schweineställe Neuerungen Einzug gehalten, die den Tieren das Leben angenehmer machen: von großen Fenstern und effektiven Belüftungen über Spiel- und Beschäftigungsmaterial bis hin zu einem großzügigeren Platzangebot, besserer Fütterungstechnik und besser strukturierten Buchten. Doch im direkten täglichen Umgang, in der Arbeit am Tier also, hapert's gelegentlich, und das ist nur zum Teil auf Zeitmangel oder unzureichende Arbeitsbedingungen zurückzuführen. In vielen Fällen sorgen einfach Unwissenheit oder fehlendes Interesse für Stress im Stall und zwar auf beiden Seiten.

Verhalten auf dem Prüfstand

Vor allem in größeren schweinehaltenden Betrieben ist der Betriebs- oder Anlagenleiter deshalb gefragt, wenn es darum geht, Mitarbeiter nicht nur hinsichtlich einer effektiven Arbeitsweise, sondern auch mit Blick auf den Umgang mit den Schweinen zu beobachten und wo nötig zu korrigieren. Vor allem Behandlungen am Tier und das Umsetzen zwischen Produktionsstufen oder -phasen stehen dabei im Fokus. Nicht immer sind es nur Berufsanfänger, die sich im ruhigen, sachgemäßen Umgang mit den Tieren schwer tun. Gerade langjährige Routine, gepaart mit Zeitmangel und/oder Überforderung führen nicht selten zu hektischem und ungeduldigem Verhalten seitens der Tierbetreuer. Hier sind vor allem die Arbeitsabläufe zu überprüfen, um Mitarbeiter zu entlasten und falsche Routinen zu eliminieren. Selbstredend darf unangebrachte Grobheit oder gar Brutalität in keinem Fall geduldet werden. Das hat nicht nur Tierschutzrelevanz, es geht dabei auch um die Vermeidung von Schäden und um die Sicherheit des Stallpersonals. Gerade ferkelführende Sauen können äußerst wehrhaft reagieren, wenn sie ihren Nachwuchs bedroht fühlen.

Maßnahmen bündeln

Sorgfalt und Geschick im direkten Umgang mit dem Tier sind bereits ab dem ersten Lebenstag des Ferkels unumgänglich. Selbst wenn in absehbarer Zeit Kastrationen der Vergangenheit angehören sollten: Am Ferkel wird so viel manipuliert wie sonst nie wieder im gesamten Schweineleben. Wurfausgleich, Eisen- und Vitaminversorgung, Nabelkontrolle, Schwänze und Zähne kupieren, Impfen ... und jeder Handgriff ist unweigerlich mit dem Aufheben und Festhalten des Tieres verbunden. Untersuchungen zum Stresslevel haben ergeben, dass genau dieses Heben und Halten die Ferkel oft mehr belastet als die Behandlung an sich. Mit anderen Worten: Die Angst, hervorgerufen durch die menschliche Nähe, die Entfernung von Mutter und Geschwistern, den Bodenverlust und die Fixierung, ist für die Jungtiere meist schlimmer als der mögliche Schmerz durch eine Behandlung. Hier gibt es im Grunde nur zwei Möglichkeiten, den Tieren Stress zu ersparen. Die eine besteht darin, notwendige Manipulationen am Ferkel möglichst zu bündeln. Jede Einzelfangaktion, die so eingespart werden kann, verringert die Belastung für die Ferkel und natürlich auch für die Sau. Und da Unruhe stets auch die Futteraufnahme und den Stoffwechsel belastet, bedeutet jede vermiedene Störung auch einen unterbundene Leistungsdepression. Zudem wird so natürlich Arbeit eingespart.

Der richtige Handgriff

Die zweite Maßnahme, Fang- und Halteaktionen stressärmer zu gestalten, ist die richtige Grifftechnik, erfahrene Tierbetreuer wissen das. Neugeborene Ferkel sind darauf angewiesen, schnell auszuweichen, wenn das schwere Muttertier sich unachtsam legt. Dieser Instinkt rettet die Kleinen in den ersten Lebenswochen vor dem Erdrückungstod. Spüren die Tiere also eine Berührung am Rücken, stoßen sie einen Warnlaut aus und bringen sich blitzartig in Sicherheit. Man sollte deshalb bei Saugferkeln tunlichst vermeiden, von oben zu greifen und zu halten, um keine Panikreaktionen (und damit die Alarmierung ganzer Ställe) auszulösen. Der Griff unter den Bauch und/oder an die Beine dagegen macht weit weniger Stress und lässt die Ferkel schnell wieder zur Ruhe kommen.

Grobheit hilft nicht weiter

Auch beim Umsetzen älterer Ferkel und erwachsener Tiere gilt: In der Ruhe (und der Erfahrung) liegt die Kraft. Schweine orientieren sich stark an ihren Artgenossen. Bricht eins in Panik aus und rennt kopflos in die falsche Richtung, folgt bald das ganze Lot. Geschickt gehandhabte Treibewände erreichen hier mehr als laute Stimmen oder gar Schläge, da letztere nur die Angst der Tiere anheizen. Zwar sollten "Treibemittel" wie Gummischläuche oder spitze Stangen in modernen Ställen ohnehin längst der Vergangenheit angehören, doch auch hier gilt: Gerade unerfahrenes Personal, das zu aufwendigen Umtriebsaktionen aus anderen Betriebsbereichen "rekrutiert" wird, greift gelegentlich zu ungeeigneten Mitteln, um sich bei den Tieren durchzusetzen. Hier ist Konsequenz beim Herdenmanager gefragt. Ein zu hoher Personalaufwand (oder ungewollte Jagdszenen in den Stallgängen oder auf dem Betriebshof) lassen sich oft durch relativ einfache bauliche Maßnahmen wie verschiebbare Wände oder zusätzliche Treibegänge vermeiden. Generell gilt: Jede rechtwinklige Ecke stellt ein potenzielles Problem dar, zudem sind Lichteinfall und Bodenbeschaffenheit einer kritischen Kontrolle zu unterziehen. Schweine, die geblendet und auf ungewohntem Untergrund in dunkle Gänge laufen sollen, verweigern meist die Mitarbeit. Das ist keine Dummheit, im Gegenteil: Diese Instinkte sollen das Tier vor Gefahrensituationen bewahren. Gibt es also beim Tiertrieb immer wieder an der selben Stelle (oder zu betimmten Tageszeiten) Probleme, kann es hilfreich sein, sich probehalber mal auf "Schweineniveau" zu begeben, um grellen Lichteinfall oder scheinbar unüberwindbare Hindernisse zu erkennen.

Auf dem Weg zum Schlachthof

Einen Sonderfall in diesem Zusammenhang stellen Schlachttransporte dar, weil es hier nicht nur um Arbeits- und Zeitersparnis und eine geringere Verletzungsgefahr für Mensch und Tier geht, sondern auch um Fleischqualitäten. Vor allem bei fleischreichen Rassen und Kreuzungen besteht durch ein erhöhtes Stresslevel die Gefahr vermehrter Milchsäureproduktion im Gewebe, die vor allem, wenn den Tieren bei Ankunft im Schlachthof nicht noch einmal gründlich Ruhe gegönnt wird zum sogenannten PSE-Fleisch (pale, soft and exudative, also blass, weich und wässrig) führt. Neben züchterischen Maßnahmen (vor allem durch den Einsatz stressresisteter Endstufeneber) und der Vermeidung langer Transporte in zu engen Fahrzeugen hilft hier nur Gelassenheit im Umgang mit dem Tier.

Regelmäßiger Stallcheck

Aber auch alle anderen (alltäglichen) Vorgänge im Stall sollten regelmäßig auf ihren "Stressfaktor" hin durchleuchtet werden. Haben alle Tiere ausreichenden Zugang zu frischem Wasser und Futter? Gibt es genügend Rückzugmöglichkeiten für rangniedere Tiere (das wird vor allem in der Sauengruppenhaltung enorm wichtig)? Sind die Luft-, Temperatur- und Lichtverhältnisse in Ordnung? Sind die Böden geeignet für sicheres Stehen, Liegen oder Laufen? Sind Verletzungen oder Belastungen durch Ektoparasiten zu behandeln (wer sich an den vergangenen Regensommer mit seiner Mückenplage erinnert, der weiß, wieviel Stress permanenter Juckreiz erzeigt)? Ein regelmäßiger, gründlicher Stall- und Herdencheck ist hier das wichtigste Managementwerkzeug.
Unzulängliche Haltungsbedingungen und grober oder achtloser Umgang erzeu- gen Stress im Schweinestall, der nicht selten zu Leistungsverlusten und Verletzungen führt. In vielen Fällen sind zu hohe Arbeitsbelastung und eine gewisse Betriebsblindheit bei den Mitarbeitern die Gründe für eine inakzeptabel hohe Stressbelastung der Tiere. Sind Probleme allerdings erst einmal erkannt, lassen sie sich oft mit wenig Aufwand beheben. Hier hilft nur Hinsehen, damit sich Mensch und Schwein im Betrieb gleichermaßen wohlfühlen. (le) NL
In der Ruhe liegt die Kraft (17.11.2011)
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Keywords Schweine | Sauen | Ferkel | Stress | Umgang | Treiben | Transport | Behandlung | Manipulation | Impfen
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