"? und jetzt alle zusammen!" Foto: Bettina Karl
Bettina Karl, Fachjournalistin, Berlin
Bevor die Auszubildenden im Melkkarussell arbeiten, lernen sie das Melken mit der Hand. Das ist eine wichtige Voraussetzung für die spätere Arbeit im Melkkarussell und fördert die Beziehung zum Tier", erklärt Wolfram Mertz überzeugt. Der Ingenieur-Pädagoge ist im Hauptamt Lehrausbilder. Parallel dazu stehen in der Theorie die Anatomie des Euters, der Einfluss verschiedener Hormone auf die Milchbildung, der Aufbau des Melkzeuges und andere Grundlagen der Milchproduktion auf dem Lehrplan. Lehr- unterweisungen und Arbeitsschutzbelehrungen gibt Ausbilder Mertz den gegenwärtig zwölf Auszubildenden begleitend zu jedem neuen praktischen Arbeitsgebiet, aber auch als Ergänzung zum Lehrstoff in der Berufsschule. Werden dort zum Beispiel Futtermittel und ihre Zusammensetzung behandelt, untersucht Wolfram Mertz mit den Auszubildenden die Bestandteile von Grob- und Mischfutter. Ist Weidewirtschaft dran, übt er mit ihnen auf der extra für die Lehrausbildung angelegten Weide mit Trockenstehern die entsprechenden praktischen Arbeiten. Diese Tätigkeit bildet auch die Grundlage für die spätere Pflege der Jungviehweiden auf den Höhenlagen des Thüringer Waldes.
Das intensive Lehrprogramm führte zum Beispiel dazu, dass Michaela Luthardt, Auszubildende im 3. Lehrjahr zur Landwirtin, auf einem überbetrieblichen Lehrgang, der zur Berufsausbildung gehört, lauter Einsen bekam, da sie den gesamten Lehrstoff in Schackendorf bereits ausführlich behandelt hatte. "Die Ausbildung hier ist sehr umfangreich. Das ist schon vorteilhaft", beurteilt die 18-jährige. "Es besteht kein Druck, dass die Lehrlinge einen vollen Arbeitsplatz besetzen müssen. Sie haben genug Zeit, um zu lernen", beschreibt Mertz, der gleichzeitig Vorsitzender der Prüfungskommission für grüne Berufe in Südthüringen ist. Es gibt lediglich einen Vertretungsplan für die Urlaubszeit oder hin und wieder den spontanen Einsatz, sollte ein Facharbeiter plötzlich ausfallen. Wichtig ist dem Lehrausbilder, der diese Tätigkeit seit fast 30 Jahren ausübt, die Ausbildung abwechslungsreich zu gestalten und den Nachwuchskräften einen respektvollen Umgang mit den Tieren beizubringen. "Das ist die Voraussetzung für ein fachgerechtes, harmonisches Arbeiten und gute Ergebnisse", argumentiert er. Ausbilder Mertz lernt die Azubis im Fachbereich Tierproduktion an. In der Landtechnik übernimmt Pflanzenbaumeisterin Nancy Vogt seit sechs Jahren den praktischen Part. Sie selbst hat in diesem Betrieb von 1984 bis 1987 gelernt und arbeitet seitdem in der Pflanzenproduktion, zur Ernte hauptsächlich als Mähdrescherfahrerin.
Jährlich werden drei bis vier neue Azubis zum Land- oder Tierwirt eingestellt. Die Auszubildenden lernen die Bereiche des Agrarbetriebes schrittweise kennen. Zwischen Werratal und Thüringer Wald werden knapp 5.000 ha landwirtschaftliche Nutzfläche bewirtschaftet. Gut 2.000 ha davon sind Grünland zur Futterproduktion oder Weideflächen für die durchschnittlich 1.000 Färsen und Frühtrockensteher. 2.250 Milchkühe mit eigener Reproduktion sind es insgesamt: 1.550 Schwarzbunte werden in Veilsdorf über das Melkkarussell mit 40 Plätzen, 700 in Crock mit dem Fischgrätenmelkstand gemolken. Außerdem gibt es 800 Mastschweine und 600 Mutterschafe. Wolfram Mertz bereitet die Nachwuchskräfte auch auf Jungzüchterwettbewerbe vor. Dafür müssen zum Einen die geeigneten Tiere herausgesucht werden, zum Anderen Vorführen und Frisieren gelernt werden. Der Erfolg bleibt nicht aus: Cindy Raumschüssel siegte beim Wettbewerb zu den "Grünen Tagen" 2010 in Erfurt. Die 19-jährige hat in diesem Sommer ihre Abschlussprüfung zur Landwirtin erfolgreich bestanden. Als frisch gebackene Facharbeiterin arbeitet sie seitdem im Melkstand und im Kälberstall. "Besonderen Spaß macht die Arbeit mit den Kühen in der Almhütte", erklärt Michaela Luthardt. Die Almhütte, ein Offenstall mit Weidefläche steht am Eingang des Agrarbetriebes, gleich neben dem betriebseigenen Hofladen und ist ein Hingucker für jeden Besucher. "Hier werden elf Kühe und Kälber extensiver Rassen wie Lakenvelder, Fleckvieh und Charolais gehalten", beschreibt die Auszubildende im 3. Lehrjahr zur Landwirtin, die aufgrund ihrer guten Noten nebenbei das Fachabitur macht. Die Almhütte samt Koppel wird ausschließlich von den Lehrlingen gepflegt. Gerade sind Jessica Schmidt, Azubi im 3. Lehrjahr zur Landwirtin und Daniela Hanf aus dem 2. Lehrjahr dabei, den Weidezaun zu kontrollieren. Daniela wohnt im Wohnheim der Milch-Land GmbH. Beide entschieden sich nach einem Betriebspraktikum für eine Ausbildung zur Landwirtin und haben diesen Schritt noch nicht bereut.
Um die Nachwuchsausbildung in den nächsten Jahren zu sichern, besteht zwischen der Milch-Land GmbH und den Regelschulen in Veilsdorf und Eisfeld eine Kooperation. Regelmäßig hält Wolfram Mertz dort Vorträge in den oberen Klassen und stellt Beruf und Betrieb vor. Wenn die Schüler daraufhin ein Praktikum in Schackendorf beginnen, ist schon viel gewonnen. "Damit kann man in der Regel schon herausfinden, ob sie geeignet sind oder nicht und ob es ihnen gefällt", schlussfolgert Mertz. Das Praktikum nutzt er intensiv dazu, den Praktikanten einen umfangreichen Überblick über das Berufsbild
Landwirt zu verschaffen. "Sie müssen auch begreifen, dass der
Landwirt eine große Verantwortung gegenüber der Umwelt trägt", hebt er hervor. Auch die Jüngsten führt Mertz schon an den Beruf heran. "Vor Kindergarten- und Grundschulkindern berichte ich dem Alter entsprechend aus dem ?Leben der Kuh? oder zeige ihnen, wie Rinder frisiert werden. Das kommt immer gut an", schildert er und ergänzt: "Jeder Betrieb ist schließlich für seine zukünftigen Arbeitskräfte selbst verantwortlich. Und diese Maßnahme hat dem Agrarunternehmen bisher immer genügend Bewerber für den Beruf
Landwirt verschafft."
(bö)
Milch-Land GmbH Veilsdorf und Waisagrund Agrar GmbH
Die Milch-Land GmbH Veilsdorf, Sitz Schackendorf, wurde am 1. 12. 1991 mit dem Zusammenschluss der LPG-Tierproduktion Veilsdorf und der LPG-Pflanzenproduktion Hessberg gegründet. Am 10. 8. 2005 wurde die Waisagrund Agrar GmbH Crock als Tochterfirma übernommen. 1. Geschäftsführer: Silvio Reimann 2. Geschäftsführerin: Ulrike Tanzberger 100 Mitarbeiter + 12 bis 15 Lehrlinge in den Berufen Landwirt, Tierwirt und Hauswirtschaft 25 Mitarbeiter in Crock Lage: Höhe 360 700 m über NN Niederschläge: durchschnittlich 750 mm Zertifikat: "Betrieb der umweltverträglichen Landwirtschaft", QS, QM
Pflanzenproduktion
4.900 ha Landwirtschaftliche Nutzfläche, davon:
2.900 ha Ackerland
1.550 ha Getreide 500 ha Silomais 300 ha Winterraps 80 ha Erbsen 200 ha Luzerne 200 ha Feldgras
2.000 ha Grünland
Tierproduktion
1.550 Milchkühe in Veilsdorf 700 Milchkühe in Crock (jeweils mit eigener Reproduktion und Jungviehaufzucht) 840 Mastschweineplätze 600 Mutterschafe Biogasanlage, 526 kW
Nebenbetriebe
2 Landmärkte Landhandel Küche Kantine Gärtnerei Lehrlingswohnung/Gästewohnheim Wohnwagen am Scharmützelsee