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NL-Reportagen | 21.06.2012

Vermarktungsallianz

Mit dem Ährenwort-Programm schreiben sächsische Landwirte, die Dresdener Mühle und regionale Bäcker eine inzwischen fast 20 Jahre währende Erfolgsgeschichte. Der Verbund will Verbrauchern natürliche Qualitätsbackwaren aus kontrolliertem Getreideanbau anbieten. Die Stufen übergreifende Zusammenarbeit bringt allen Beteiligten Vorteile.
Vermarktungsallianz
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Vermarktungsallianz
Sachsens Ährenwort ist ein Qualitätsprogramm, welches von der Dresdener Mühle gemeinsam mit sächsischen Landwirten und Bäckern entwickelt wurde. Aus kontrolliertem Getreideanbau werden beste Weizen- und Roggenmehle für das Bäckerhandwerk und Spezialprodukte für die Industrie hergestellt.
Die Idee kam vor zwei Jahrzehnten aus dem Mittelsächsischen Getreideerzeuger- und Absatzverein eine Allianz von Getreideerzeugern, der Mühle in Dresden und sächsischen Bäckern, die vertrauensvoll zusammenarbeiten und auf Zwischenhändler verzichten können. Auch die damalige Geschäftsführung der Mühle und die Bäckerinnung fanden die Idee interessant. So startete das Programm seinerzeit vom Sächsischen Staatsministerium und der CMA gefördert mit der Ernte 1993.
Dass die Idee gut war, zeigt sich daran, dass das Ährenwort-Qualitätsprogramm nun seit 20 Jahren läuft und auf der "grünen" Seite inzwischen sieben Erzeugergemeinschaften aus dem Gebiet zwischen Oberlausitz, Leipzig und dem Erzgebirge beteiligt sind.
 

Gelebte Gemeinschaft
Einer der Partner auf der landwirtschaftlichen Seite ist der Mittelsächsische Getreideerzeuger- und Absatzverein. In ihm sind heute etwa 60 Landwirte mit Betriebsgrößen zwischen 15 und 3.000 Hektar organisiert. Zwei davon sind die Ackerbau GbR Mark Schönstädt und die Ackerbau GbR Falkenhain im Landkreis Leipzig. Sie bewirtschaften seit 20 Jahren Hand in Hand 1.017 bzw. 1.241 Hektar. Der Mark Schönstädter Betrieb hat zwei Gesellschafter, Gunar Witschel und Mario Rauppach. Als 20-jähriger ausgelernter Landwirt hat Gunar Witschel 2000 die Aufgaben vom erkrankten Vater übernommen, berichtet er, als wir ihn Ende Mai in Sachsen besuchen. Im Verbund der beiden Betriebe ist der Landwirtschaftsmeister vor allem für die Technik zuständig. Der Falkenhainer Betrieb hat drei Gesellschafter, Klaus-Ullrich Kubessa, Manfred Kleinert und Petra Pissors. Die Diplom-Agraringenieurin verantwortet u. a. die Bestandesführung und die Dokumentation.
Auf fast 800 ha Winterweizen kommen die beiden Betriebe zusammen. "Den dienen wir seit 1993 komplett der Dresdener Mühle an", so Petra Pissors. "Ich wähle dann für die Mühle die passenden Partien aus", ergänzt Konstanze Fritzsch von der Dresdener Mühle. Sie leitet dort seit drei Jahren den Bereich Vertragsanbau. Ein Landwirtschaftsstudium und sechs Jahre Mitarbeit bei der Leitung des Bereiches Pflanzenbau in einem großen sächsischen Agrarunternehmen sind gute Voraussetzungen für diese Tätigkeit.
Kontrollierte Qualität
Im Winter schließen Landwirte und Mühle, Vorverträge über die vorgesehenen Mengen und Sorten ab. Dabei wird von durchschnittlichen Erträgen ausgegangen. "Im Laufe der Vegetation und bei den Feldkontrollen konkretisieren wir dann die zu erwartenden Erntemengen", so Petra Pissors. "Dieses Jahr können wir auf keinen Fall nach oben gehen, 20% unserer Flächen hatten so starke Auswinterungsschäden, dass wir umbrechen mussten. Die Weizenflächen haben wir vor allem mit Mais bestellt. Alles braucht jetzt Ende Mai dringend Regen."
Auch Düngung und Pflanzenschutz werden bei den Feldkontrollen besprochen, dokumentiert und mit der Anlieferung des Getreides der Mühle übermittelt.
Börsen als Orientierung
Die Preisung der Vorverträge orientiert sich seit einigen Jahren indirekt an der Pariser Terminbörse Matif und der Mitteldeutschen Produktenbörse Dresden. "Wir bekommen über die Erzeugergemeinschaft jeden Tag die aktuellen Börsenkurse per Fax zugesandt", erläutert uns Frau Pissors. Daran können wir ablesen, wie sich die Preise entwickeln. Welche Mengen zum jeweiligen Zeitpunkt vermarktet werden, darüber entscheidet jeder am Ährenwort-Programm beteiligte Betrieb selbst. Der endgültige Vertrag werde erst dann gemacht, wenn die Menge auch tatsächlich im Lager liege. Darüber gebe der Betrieb eine Rückmeldung an die Mühle. Die Entscheidung über den Ankauf der angebotenen Partien fällt die Mühle nach der Analyse von Vorbemusterungen.
"Wir verkaufen bisher grundsätzlich nur die Mengen, die wir auch tatsächlich gedroschen haben", so Petra Pissors. Sollte der Preis in einem Erntejahr ab Juli immer weiter fallen, sei das das Risiko des Betriebes. Dieses Jahr habe mit den Auswinterungsschäden und der aktuellen Trockenheit einmal mehr gelehrt, bei Vorverkäufen vorsichtig zu sein.
Basis ist Verhandlungssache
Die Preisung folgt einem bestimmten Schema: Die lokale Basis zur Matif wird vom Erzeugerverband einmal monatlich neu mit der Mühle verhandelt und angepasst. Der Preisabstand zur Matif schwankt im Jahresverlauf und ist mal drunter, mal drüber, mal ist es der Börsenpreis direkt.
Für den in Mark Schönstädt und Falkenhain produzierten A-Weizen mit 13% Eiweiß gibt es Qualitätszuschläge, die je nach Angebot und Nachfrage schwanken.
Nicht den letzten Cent rausholen
Bei den Preisverhandlungen mit der Mühle werde der Spielraum von beiden Seiten nicht nicht auf Biegen und Brechen ausgereizt, stellt Frau Pissors klar: "Ein verlässlicher Abnehmer ist schließlich wichtiger, als immer den letzten Cent herauszuholen." Der Vorteil der Vermarktungsallianz Ährenwort sei ganz klar, die über Jahre stabile Zusammenarbeit mit der Dresdener Mühle. Ährenwort sei eine über viele Jahre gereifte Zusammenarbeit und man sei zufrieden. Positiver Nebeneffekt: Als große Ackerbaubetriebe mit großen Vermarktungsmengen unterstütze man indirekt die weniger flächenstarken Betriebe in dem Verbund.
Was ist ein guter Weizenpreis?
Und was ist für die Falkenhainer Betriebsleiterin ein guter Weizenpreis? Wenn die getätigten Aufwendungen gedeckt sind und ein gewisser Gewinn erzielt wird, antwortet Petra Pissors. Im Herbst werde regelmäßig ein Teil der Ernte verkauft, da dann Pachtzahlungen anstehen, erläutert sie ihre Vermarktungsstrategie. Nach fast 20 Jahren habe sie den Anspruch an sich selbst, dass die Pachtsumme immer auf dem Bankkonto liegt. Das verschaffe Unabhängigkeit bei der Vermarktung. Verkaufsentscheidungen trifft Petra Pissors mit Kopf und Bauch: "Wir splitten die Vermarktung und verkaufen nicht alles auf einmal".
Win-Win-Situation
Selbst wenn dieses Jahr eine schlechte Ernte kommt, müssen die beiden Betriebe keine vertraglichen Nachteile fürchten. "Bisher konnten wir innerhalb der Erzeugergemeinschaften immer für Ausgleich sorgen, wenn in einer Region die geplanten Mengen oder Qualitäten nicht geerntet werden konnten", so Konstanze Fritzsch. "Sachsenweit haben wir Flächen mit einer Ost-West-Ausdehnung von 130 km und einer Nord-Süd-Ausdehnung von 50 km unter Vertrag. Profitiert davon haben 2008 auch die beiden Betriebe: 2.300 Tonnen für die Dresdener Mühle vorgesehener Weizen waren durch einen Brandschaden unbrauchbar. "Neben all dem Ärger mit der langwierigen Bekämpfung immer wieder aufflammender Brandnester und den zähen Verhandlungen mit der Versicherung blieb uns eine Schadenersatzforderung der Mühle erspart." Inzwischen steht eine neue Halle. Die Lagerkapazität beider Betriebe beträgt insgesamt 7.500 Tonnen. Die Getreidestapel in den Hallen können unterflurbelüftet werden. Die nach dem Brand neu aufgebaute Halle hat eine moderne oberflurige Beschickung.
Ackerbauliche Entwicklung
Waren nach Gründung der Unternehmen 1993 noch überwiegend Ost-Landtechnik im Einsatz, sind heute davon noch einige Traktoren um 100 PS und 14 in Eigenregie modernisierte Anhänger übrig. "Zuerst kamen eine neue Drillmaschine, damals noch mit Kreiselegge und 6 m Arbeitsbreite, sowie ein neuer Mähdrescher zum Einsatz", berichtet Gunar Witschel. Die ersten 50 ha pfluglos wurden 1994 probiert.
"Bei unserem Wasserangebot ist das bessere Wasserhaltevermögen der wichtigste Vorteil der pfluglosen Arbeit", so der junge Betriebsleiter. "Dazu kommen mehr Schlagkraft, was im Herbst besonders wichtig ist, und eine bessere Befahrbarkeit. Vor allem im Frühjahr können wir eher auf die Äcker. Und die Flächen sind ebener als nach der Pflugarbeit. Heute pflügen wir nur noch nach Mais und wenn es die Bodenbedingungen erfordern, also auf 15 bis 20% der Fläche." Dafür reicht ein siebenschariger Variopflug. Inzwischen ist die vierte Drillmaschine im Einsatz, die Horsch Pronto ist die erste Drille der beiden Betriebe mit 9 m Arbeitsbreite. "Damit ist es bei unseren Flächen entspannter als mit 6 m, freut sich Gunar Witschel.
Der erste Mähdrescher, der die Fortschritt-Technik ablöste, war ein Case-IH. "Dem Rotorprinzip sind wir seitdem treu geblieben, sind allerdings wegen der besseren Strohverteilung auf New Holland umgestiegen. Dieses Jahr werden zwei CR 9080 die Ernte einbringen, etwas Druschkapazität wird bei einem Lohnunternehmer zugekauft. Insgesamt neun Case Traktoren mit 190 bis 340 PS, vier davon mit automatischer Lenkung, stehen als Zugtechnik für die Geräte zur Verfügung. Das sind neben den schon genannten drei Grubber, eine Scheibenegge, zwei Anhängespritzen, ein Kalkstreuer und inzwischen sechs neue Anhänger. Seit 2011 kommt bei vielen Düngergaben mit dem Rauch Axera H ein N-Sensor zum Einsatz.
Mühle mit Tradition
Die Dresdener Mühle ist eine Zweigniederlassung der Werhahn Mühlen GmbH & Co. KG. Das Neusser Unternehmen betreibt deutschlandweit sieben Mühlen. 2013 wird der unter Denkmalschutz stehende markante Stahlbetonbau der ehemaligen Bienertschen Dresdener Hafenmühle 100 Jahre alt. In den neunziger Jahren wurde sie komplett mit neuer Technik ausgestattet. Unweit des historischen Stadtzentrums am Dresdener Alberthafen produziert sie täglich 400 t Weizen- und Roggenmehle und Spezialprodukte für das Bäckerhandwerk und die Lebensmittelindustrie. Dafür werden jährlich rund 100.000 t Weizen und 20.000 t Roggen benötigt. Etwa 80% des Mehls wird lose in Silofahrzeugen zu den Bäckern gefahren. Die restlichen 20% verlassen die Mühle in 50- oder 25-kg-Säcken bzw. in 1-kg-Tüten. Mit eigenen Fahrzeugen wird mehr als die Hälfte der Mehlmenge zu den Kunden gefahren, dazu kommen zertifizierte Speditionen.
Viele Handwerksbäcker und Industriekunden in der Region mit sehr unterschiedlichen Abnahmemengen werden mit den Qualitätsmehlen beliefert. Seit 1996 wird auch Mehl im Lebensmittel-Einzelhandel seit einigen Jahren über die Firma Kathi vertrieben. Über 95 % des Umsatzes der Mühle wird mit Ährenwort-Produkten erzielt. Durch gezielte Sortenwahl und umfangreiche Backversuche im modernen Backtechnikum ist die Mühle in der Lage, kundenindividuelle und anwendungsbezogene Mehle mit spezialisierten Qualitätsparametern herzustellen.
So gehörte die Dresdener Mühle mit zu den ersten Anbietern von Mehl für mediterrane Backwaren. Eine Produktgruppe, die sich stetig wachsender Beliebtheit bei den Verbrauchern erfreut. Wenn in der Bäckerei mit hochwertigen Mehlen gleichbleibender Qualität weniger teure Backhilfsmittel eingesetzt werden müssen, hat der Bäcker seinen direkten finanziellen Vorteil vom Ährenwort-Programm. Mit der kontrollierten Qualität aus der Region kann er im Laden gut Kunden ansprechen und binden. Auf der Ährenwort-Internetseite finden Verbraucher leicht ihren nächstgelegenen Ährenwort-Bäcker.
Fazit
In Sachsen haben Landwirte, Mühle und Bäcker nach der Wende eine Vermarktungsallianz geschmiedet, die auch nach fast 20 Jahren noch ihren Zweck erfüllt: Absatzgarantie und gute Preise in einer wenig frachtgünstig gelegenen Region.
Uwe Steffin, Jörg Möbius, NL-Redaktion 
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Vermarktungsallianz (21.06.2012)
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